Zypern – nicht nur Insel der Aphrodite

Bericht der Studienreise 2011

Die mittlerweile traditionsreiche Studienreise der Pensionäre des Philologen-Verbandes führte uns in diesem Jahr nach Zypern, auf die geschichtsträchtige und bis heute strategisch bedeutende Insel im östlichen Mittelmeer.

 

Es hatten sich wieder so viele Kolleginnen und Kollegen gemeldet, dass die Reise zweimal durchgeführt wurde; eine erste Gruppe war vom 6. bis 15. Mai unterwegs, und die zweite vierzehn Tage später. Wir wären lieber von Düsseldorf aus geflogen, aber akzeptable Direktflüge gab es nur von Frankfurt. CYPRUS AIRWAYS hat uns sicher, vor allem pünktlich an unsere Ziele gebracht.

Es gehört zur Konzeption unserer Studienreisen, die Zahl der Hotelwechsel möglichst klein  zu halten. Unsere  beiden Hotels waren tadellos, wobei das in Larnaca  uns ‚unmäßig’ verwöhnt hat, und die Kolleginnen und Kollegen hatten ‚daran zu tragen’.

Zypern hat - mindestens – drei Gesichter: die Zeugnisse der zehntausendjährigen und Geschichte, den geteilten ‚unsinkbaren  Flugzeugträger’ der Briten und die moderne Touristeninsel. Allen drei Aspekten haben wir uns intensiv gewidmet. Ein Bericht wie dieser muss sich aber auf wenige Höhepunkte beschränken.

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Choirokoitia, eine jungsteinzeitliche Siedlung – östlich von Limassol - war schon 8000 v. Chr. besiedelt.  Die rekonstruierten Rundhäuser aus Lehm stehen neben den ursprünglichen Resten der Siedlung. Westlich von hier gab es damals noch keine Häuser.

Aber als das zyprische Kupfer bekannt wurde, interessierten sich die Phönizier für die Insel, später die Assyrer, der Pharao aus Alexandrien, dann die Perser, die Alexander der Große besiegte. Nach dessen Tod gelangte die Insel unter die Herrschaft der Ptolemäer, schließlich kamen die Römer und mit ihnen das Christentum. Bald gehörte Zypern zum byzantinischen Kaiserreich, es spielte während der Kreuzzüge eine wichtige Rolle, und es gibt genuesische  Einflüsse. Fast einhundert Jahre regierten die Venezianer, bis die Insel 1571 Teil des osmanischen Reiches wurde. Die britische Kronkolonie Zypern wurde 1960 selbständig und 1974 geteilt.

Alle diese Mächte haben nicht nur Baudenkmäler hinterlassen, sondern, wie es Demestris, unser exzellenter Reiseleiter, sagte: „Es gibt keinen Zyprioten ohne Migrationshintergrund.“

Berühmt sind die sogenannten Königsgräber von Kato Pafos. Sie gelten als das bedeutendste Architekturdenkmal Zyperns aus der Zeit des Hellenismus (3. bis 2.Jh.). In ihnen wurden nie Könige, sondern hohe Beamte des griechischen Pharaos von Ägypten bestattet. Etwa fünf Meter unter der Erde befinden sich quadratische Räume mit dorischen Säulen, die alle in einem Stück aus dem Fels herausgehauen worden sind.

Eine Vielzahl von Mosaiken im Archäologiepark von Pafos führte uns tief in die griechische Mythologie und zeigte uns zum Beispiel, wie Achilles zu seiner berühmten Ferse kam.

Kourion, ein bedeutendes Stadtkönigreich wurde in der Mitte des zweiten Jahrtausend v. Chr. gegründet, hatte seine Blütezeit aber erst zur Römerzeit. Wir haben das malerisch an der Steilküste gelegene Theater besucht, in dem einst anspruchsvolle Bühnenstücke, aber auch Gladiatorenkämpfe gezeigt wurden und wo in dieser Saison Shakespeare gespielt wird. Daneben liegt die weitläufige Villa eines reichen Römers, deren Fußbodenmosaiken heute von einer modernen Dachkonstruktion geschützt werden.

Mit den Römern kam das Christentum nach Zypern (Paulus und Barnabas) und wird schließlich Staatsreligion. Aus dieser römisch-frühbyzantinischen Zeit datieren die Ruinen von Salamis – im heute türkischen Teil der Insel - mit einem spätantiken Sportzentrum ‚Gymnasium’, einem Theater mit 17 000 Sitzen und einer Gemeinschaftslatrine, in der 44 ‚Consessores’ (Zusammensitzende) ihr Geschäft verrichten konnten.

Während des Dritten Kreuzzuges wird Zypern von Richard Löwenherz erobert und wird ‚Kreuzfahrerstaat’. Dreihundert Jahre dauert die ‚fränkische Zeit’, während der die großen Kathedralen von Nikosia und Famagusta geweiht wurden. Beide sind schon im 16.Jh. in Moscheen umgewandelt worden, und eine gotische Kathedrale – kahl und bilderlos mit nach Mekka ausgerichteten Teppichen – beeindruckt auf besondere Weise.

Die Bedeutung und die Kraft der orthodoxen Kirche zeigen sich im Kykkokloster, dem bekanntesten und reichsten Kloster auf Zypern, das eine Regen spendende Marien-Ikone besitzt und eine große Zahl von Gläubigen und Besuchern anlockt. Die Kirche ist vollständig ausgemalt und wirkt durch ihre Ausstattung mit vielen kostbaren Hängelampen überladen. Nach Aussagen von Demetris verfügt die Kirche noch heute über viel Land und ist an Industrie- und Hotelunternehmen beteiligt.

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Zu den vielen unter UNESCO-Schutz stehenden Bauten zählt auch das ‚Scheunendachkloster’ Ioannis  Lampadistis mit seinen drei Kapellen und Fresken aus dem 13. Jh. Wir konnten sehen, wie Fachleute der Universität London diese Fresken restaurieren.

Zu den bedeutendsten Bauwerken der venezianischen Zeit gehören die Stadtmauern von Nikosia und Famagusta mit dem bekannten Othello-Kastell, das eine literarische Verquickung mit Shakespeares Helden verrät.

In der dreihundert Jahre währenden türkischen Herrschaft wurden Türken auf der Insel angesiedelt, um sie zu turkisieren. Schließlich gab das Osmanische Reich Zypern 1878 an England ab.

Das Land wird 1960 unabhängig und 1974 geteilt. Im Norden entsteht die ‚Türkische Republik Nordzypern’, die außer von der Türkei von keinem anderen Land der Welt als Staat anerkannt wird.

Während der langen Geschichte Zyperns wurde seine strategische Lage immer wieder in den Blickpunkt gerückt. Schließlich sind es bis zur Türkei nur gut 70 km, Syrien ist 90 km entfernt und bis Ägypten sind es gut 300 km. Gerade die aktuelle politische Lage im Vorderen Orient hebt die  Bedeutung des ‚unsinkbaren Flugzeugträgers’ der Briten hervor. Schon im Unabhängigkeitsvertrag behält sich die ehemalige Kolonialmacht die dauernde Benutzung von Wohngebieten und Stützpunkten vor, und die vielen Antennen unterstreichen heute noch die Wachsamkeit der Militärs.

Die auf der Insel herrschenden Spannungen bemerkt der Besucher, wenn er sich nach Nordzypern begibt, was heute problemlos möglich ist. Bei der Einreise werden die Pässe kontrolliert, und bei der Ausreise wird nur noch gezählt. In der jetzt einzigen noch geteilten Hauptstadt der Welt, Nikosia, haben wir  eine Art ‚Berliner Mauer’ gesehen: Hauptstraßen werden von mit Stacheldraht bewehrten alten Ölfässern abgesperrt, hinter denen türkische Soldaten auf Wachtürmen Dienst tun.

Die ausländische Besuchergruppe wird von einem ‚Silent Guide’ begleitet. Ein junger Mann besteigt den Bus an der Grenze und begleitet uns, bis wir sein Land wieder verlassen. Er sagt während der Reise kein Wort. Seine eigentliche Aufgabe kann uns auch Demetris nicht erklären.

Im Übrigen scheint – jedenfalls das EU-Mitglied - Zypern nicht unter den Spannungen zu leiden. Der ‚Westen’ (EU, NATO und Großbritannien) haben Interesse an einem stabilen Stützpunkt, und der blühende Tourismus bringt Geld ins Land. Der allgemeine Lebensstandard ist nicht niedrig, was sich auch in der Zahl großer deutscher Autos widerspiegelt. Und der Türkei ist es wichtig, dass der Abstand ‚ihrer’ Republik zum Süden nicht zu groß wird. Also fließen auch hier Unterstützungsgelder.

Die weltpolitische Lage und der schnell wachsende Tourismus auch aus Russland hat die Entwicklung Zyperns zu einem Reiseland erheblich gestärkt. Die Südküste ist gespickt mit neuen Hotels und Feriensiedlungen, und Agia Napa im Südosten hat sich zu einem riesigen touristischen Rummelplatz entwickelt.

Aber auch der ‚Naturtourismus’ wächst schnell: Überall im Troodosgebirge findet man neue, gut ausgewiesene und ausgebaute Wanderwege und Rastplätze, und die Unterkunftsmöglichkeiten sind zahlreich. Im höchsten Teil des Gebirges gibt es sogar (mindestens) einen Schilift.

Aber wir wollten nicht in erster Linie den Tourismus studieren. Unser eigentliches Ziel war die kulturelle Entwicklung des Landes.

Gern hätten wir natürlich Aphrodite, die Göttin der Liebe und der Schönheit gesehen, aber wir mussten uns mit ‚Petra tou Romiou’ bescheiden, dem Felsen, wo die ‚Schaumgeborene’ einst dem Meer entstiegen sein soll.

Auch für 2012 ist wieder eine Studienreise für die Pensionäre geplant. Einzelheiten erfahren Sie im Dezemberheft von Bildung aktuell.