Tunesien – alte Kultur und junge Demokratie

Bericht zur Studienreise 2012

 

Schließlich waren wir einmal eine Weltmacht, und die hieß Karthago und beherrschte das westliche Mittelmeer. Mohammed, unser tunesischer Reiseleiter, ließ keinen Zweifel daran, dass dies das vorherrschende Nationalgefühl aller Tunesier ist. Und wenn man die jungen Mädchen sieht, wie sie in ihrer Haltung stolzes Selbstbewusstsein zeigen, kann man Mohammed leicht glauben.

 

In zwei Gruppen wollten die aktiven Pensionäre des Philologen-Verbandes NW Tunesien kennenlernen, die Zeugnisse der langen Geschichte des Landes, aber auch seine unterschiedlichen Landschaften und besonders das geistig-politische Klima im Land des arabischen Frühlings.

 

Identifikationskern Tunesiens: Karthago

 

Karthago ist Mythos und Kristallisationspunkt Tunesiens, obwohl oder gerade weil die Römer es in drei Kriegen schließlich besiegt und zerstört haben. Und paradoxerweise ist es Rom gewesen, dem Tunesien seine wichtigsten Kulturschätze verdankt.

 

Ganz nahe dem alten Karthago stehen die monumentalen Thermen des Kaisers Antoninus Pius. Dort ist es nicht schwer, sich das Leben in der römischen Provinz im zweiten und dritten Jahrhundert vorzustellen, und das Bardo-Museum in Tunis zeigt eindrucksvoll, wie die Villen reicher römischer Grundbesitzer ausgestattet waren. Vervollständigt wird das Bild durch die großartigen Mosaiken im archäologischen Museum von El Djem. Hier steht auch ein Amphitheater, das viertgrößte des Römischen Reiches, das heute als das schönste Bauwerk des römischen Afrika gilt. Wo einmal Gladiatorenkämpfe stattfanden, spielen jetzt in jedem Sommer die Berliner Philharmoniker.

 

Die Größe einer römischen Siedlung ‘erwanderten’ wir in Dougga, der besterhaltenen Römerstadt in Afrika, die im frühen 19. Jahrhundert ausgegraben wurde. Die Wohn- und Geschäftsstadt mit einem nahezu perfekten unterirdischen Kanalisationssystem wird überragt von einem schönen Theater für ehemals 3500 Zuschauer und einem besonders gut erhaltenen Kapitol. Eindrucksvoll sind auch die Zisternen am Stadtrand, die über einen zwölf Kilometer langen Aquädukt gespeist wurden und die Thermen und Brunnen der Stadt mit Wasser versorgten.

 

Kairouan ist die älteste rein arabische Stadt Nordafrikas. Das islamische Erbe wird repräsentiert von der Sidi-Oqba-Moschee, dem Vorbild für die gesamte spätere maurische Sakralarchitektur. Wir konnten den mächtigen Innenhof (95 x 80 m) besichtigen, nicht aber den Gebetssaal, der den Moslems vorbehalten ist. Das andere vielbesuchte Denkmal und Pilgerziel ist die Barbiermoschee; angeblich ruht dort der Barbier des Propheten. Sehenswert ist die Moschee wegen ihrer Ausschmückung mit prachtvollen Wandkacheln und Stuckarbeiten aus dem 19. Jahrhundert nach dem Geschmack der osmanischen Epoche.

 

Wie sich Tunesien auf die moderne Zeit eingestellt hat, zeigt der Ribat von Monastir. Die im achten Jahrhundert errichtete und mehrfach erweiterte Festung liegt in der Nähe der großen Hotels am Sandstrand der Touristenstadt und ist sorgfältig restauriert. Von dem wuchtigen Rundturm (neunzig Stufen) hat man einen schönen Ausblick auf die ganze Stadt.

 

Vielfältige Landschaftsbilder

 

Beeindruckend sind auch die verschiedenen Landschaftstypen. Die östlichen Ausläufer der Atlasketten sind bewaldet, und in den Talbereichen wird intensiver Getreideanbau betrieben. Besonders auf der Halbinsel Cap Bon hat sich eine üppige mediterrane Vegetation entwickelt. Zum Teil auf Bewässerungsbasis werden hier viele Gemüse- und Obstsorten angebaut.

 

Auf den riesigen Ebenen Mitteltunesiens gedeihen achtzig Millionen Olivenbäume, deren Öl ‘mit spanischem Etikett’ (Mohammed) auch in Deutschland verkauft wird. Dazwischen grasen Schaf- und Ziegenherden, weit von jeder menschlichen Siedlung entfernt.

 

Der Süden wird mehr und mehr bestimmt durch die Trockenheit. Weite Gebiete der Halbwüste sind völlig ungenutzt. Gelegentlich sieht man halbwilde Kamele, sonst ist die Landschaft ‘wüst und leer’. Nur Salz schimmert gelegentlich durch den Sand. Wir haben in Tozeur, einer Oasenstadt am Rand der Sahara, gewohnt und sind von dort aus bei mittlerem Sandsturm (Sichtweite 100 m) durch den großen Salzsee (Chott el Djerid) gefahren. Ein unvergessliches Erlebnis. Auf der Reise hat uns Kara Ben Nemsi begleitet (Karl May: Durch die Wüste, Kapitel 2: Ein Todesritt).

 

Am Rand der Oase Douz beginnt die Sandwüste, ein Ausgangspunkt für den Sahara-Tourismus, und hier waren auch die Kamele stationiert, auf denen wir uns in die Wüste begeben haben. Nach wenigen Minuten ist man nur noch von Dünen umgeben und wird gefangen von einem bedrückenden Gefühl der vollkommenen Orientierungslosigkeit.

 

Eine wachsende, aber gefährdete Demokratie

 

Den Diktator vertrieben zu haben und nun am Aufbau einer demokratischen Gesellschaft zu arbeiten, ist der Stolz vieler Menschen. Dazu gehört aber auch die weiterhin bestehende Unsicherheit in Bezug auf eine selbstbestimmte Zukunft. Häufige Kontrollen auf den Durchgangsstraßen (wir wurden nie kontrolliert) durch Polizei oder Militär sind ebenso ein Zeichen der Vorsicht wie die von Nato-Stacheldraht und gepanzerten Wagen umgebenen Ministerien in Tunis.

 

Die ‘neue Zeit’ haben wir im Phosphatabbaugebiet um Metlaoui kennengelernt. Streikende Bergleute blockierten eine Straße, und wir mussten täglich Informationen einholen, ob die ‘Rote Eidechse’ fuhr oder nicht. Schließlich hatten wir Glück: die Gleise waren nicht von Streikenden blockiert, und der ‘Lézard Rouge’, ein original restaurierter Salonzug, den der französische Staat 1913 dem Bey geschenkt hatte, brachte uns in die Seldja-Schlucht, eine besonders malerische Schlucht, die schließlich an den Phosphatgruben endet.

 

Für den März 2013 sind freie Wahlen angekündigt, aber das Streikrecht haben die Arbeiter schon heute durchgesetzt. Tunesien ist auf einem mühsamen Weg in eine funktionierende Demokratie.

In La Marsa fuhren Abiturientinnen mit wehender Nationalflagge fröhlich winkend und hupend im offenen Wagen durch die Innenstadt. Vielleicht dachten auch sie an Karthago.