Syrien, junges Land mit uralter Geschichte

Bericht der Studienreise 2010

 

Naserümpfen war noch eine der milderen Reaktionen auf die Ankündigung einer Studienreise für die Pensionäre des PhV NW nach Syrien. „Haben Sie kein besseres Ziel gefunden?“, fragten andere. Heute nicht mehr.

 

Syrien gehört nicht zu den klassischen Reisezielen. Es ist ein Land, an dem der internationale Tourismus lange Zeit vorbeigegangen ist. Aber es gehört zu den kulturgeschichtlich bedeutendsten Regionen der Erde. Und davon wollten und konnten wir uns überzeugen.

 

 

 

Von Karl-Heinz Schepke

 

Wegen der vielen Anmeldungen reisten wir mit einer Gruppe im April und dann noch einmal im Mai. Sowohl Turkish Airlines als auch Royal Jordanian für die zweite Gruppe haben uns hervorragend versorgt und sicher an unsere Ziele gebracht. Glück hatte die erste Gruppe, denn am Tag vor unserem geplanten Rückflug war Europa noch fast völlig vulkanstaubblockiert, aber für uns war der Himmel frei.

 

Historie und Hollywood

 

Die Eindrücke in zwei Millionenstädten des orientalischen Landes – Aleppo und Damaskus – sind vielfältig: Tief verschleierte Frauen und junge Mädchen mit offenen Haaren, aber beide Gruppen mit Handys am Ohr; smarte Geschäftsleute europäischen Zuschnitts und Wasserverkäufer wie aus tausendundeiner Nacht; und Kinder, vor allem viele, die allermeisten gut gekleidet, oft in Schuluniformen, immer gegenüber den Fremden freundlich, aber nicht aufdringlich.

Das Land löst sich von seiner einseitigen Bindung an den Osten und gewährt der Bevölkerung weitgehende Freiheiten. Neben etwa 400 arabischen Fernsehsendern sind viele europäische Stationen zu empfangen; der private Email- oder Telefonverkehr leidet allenfalls unter technischen Störungen.

 

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Der innerstädtische Verkehr in Damaskus wird neben den Privatautos von 35 000 Taxis und 17 000 Minibussen bestritten, denn die Archäologie verhindert – wohl zu Recht – den Bau einer U-Bahn. Der überaus dichte, aber fast reibungslose Verkehr wird aufrechterhalten durch eine chaotisch-rücksichtsvolle Fahrweise der Fahrer und – wenigstens anscheinend – durch das weitgehende Fehlen von Verkehrszeichen.

Wir haben die klassischen Sehenswürdigkeiten besucht (die zweite Gruppe bei über 30° C): Der Suq („die Ladenreihe“) ist das Herz der Altstadt. Verlaufen kann man sich nicht; irgendwann landet man bei den Resten eines riesigen römischen Portals vor dem Westtor der Omayyaden-Moschee, dem Wahrzeichen der Stadt, mit dem Grabmal Johannes des Täufers, Sehenswert ist auch das Mausoleum des großen Saladin, für den Kaiser Wilhelm II. einen reich verzierten Marmorsarkophag stiftete, der großzügig errichtete Azem-Palast aus dem 18. Jh., ein ethnographisches Museum, u.a. mit einem Schwiegermutterzimmer, das meistens überfüllte Nationalmuseum und die Synagoge von Dura-Europos mit Bildern aus dem Alten Testament.

Aleppo, dessen Altstadt wie die von Damaskus UNESCO-Weltkulturerbe ist, war Karawanenhandelspunkt und Umschlagplatz auf der Seidentrasse. Die 12 km langen Suqs sind das Herz der Stadt. Sie gehören zu den berühmtesten der Welt. Mitten in Aleppo thront auf einem Hügel eine der schönsten Burgen überhaupt.

Eine Rundreise durch das Land zeigt das historische Erbe ebenso wie die heutigen Probleme. Der Assad-Stausee, wo der Euphrat nahe der türkischen Grenze auf einer Länge von 60 km aufgestaut wird, liefert Wasser für die Landwirtschaft und gleichzeitig 60% des syrischen Energiebedarfs und zeigt damit die Abhängigkeit Syriens von der Türkei. „Die Türken sagen, wir haben Wasser und ihr habt Öl. Wir können tauschen.“ So spielte unser Reiseleiter Hassan das nicht ganz spannungslose Verhältnis zum Nachbarn herunter.

 

Beeindruckende Ruinenstädte

 

Von den vielen geschichtlich bedeutsamen Stätten die wir besucht und bewundert; haben, hier nur ein Auswahl:

Bedeutende Ruinenstädte konnten wir besuchen: die einst reiche Handelsstadt Palmyra mit der Großen Säulenstraße, dem Baal-Tempel und den einzigartigen Grabtürmen der Westnekropole.
Seit dem 14. Jh. verlassen ist Rusafa, einst ein reiches und im ganzen Mittelmeerraum bedeutendes Pilgerzentrum. Ein innerhalb einer imposanten Stadtmauer liegender Zentralbau (wahrscheinlich eine Kathedrale), wurde wie andere bedeutende Gebäude aus einem glasigen alabasterähnlichen Gipsstein erbaut und ließ die Stadt schon von weitem leuchten.

 

 

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Im Süden des Landes war schwarzer Basalt das bestimmende Baumaterial. Hier liegt Bosra (UNESCO-Weltkulturerbe). Ein besonderes Erlebnis ist das römische Theater für 15 000 Besucher, dessen vorzügliche Akustik wir deklamierend überprüft haben.

Der Krak des Chevaliers (UNESCO-Weltkulturerbe) ist die schönste Burg Syriens. Durch seinen guten Erhaltungszustand ist er zum Inbegriff der Kreuzritterburg schlechthin geworden. Die Ritter kapitulierten 1271 gegen freien Abzug, und seitdem ist die Burg unbewohnt. Unsere erste Gruppe hatte hier einbesonderes Erlebnis: Es wurden Außenaufnahmen zu einem Hollywoodfilm über Kleopatra gedreht, und der Anblick von schwitzenden syrischen Statisten mit Zigarette als ägyptische Soldaten oder kahlgeschorene Priester in einer ägyptischen Szenerie hat uns in eine ganz besondere Historie versetzt.

Spektakulär sind die riesigen Wasserräder von Hama; das Grabungsfeld von Ebla mit 17 000 vielseitig informierenden Keilschrift-Tontafeln, und der von deutschen Archäologen ausgegrabene Königspalast von Qatna. Besuchermagnet ist das Kloster des Heiligen Simeon, beeindruckend auch Maaloula, das schönste Bergdorf Syriens, in dem noch heute die Sprache Jesu gesprochen wird; und Serjilla, die schönste der Toten Städte im Norden.

Den Abschlussabend im Restaurant Osman Bek in Damaskus wird keiner von uns vergessen: Ein vorzügliches, variantenreiches orientalisches Buffet und syrische Tanz- und Musikeinlagen von höchster Qualität waren ein nicht zu überbietender Höhepunkt unserer Exkursion.