Sicherung gymnasialer Bildung Forderungen an die Politik

    

      

 

Im Vorfeld der Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen legen der nordrhein-westfälische Philologen-Verband, die Landeselternschaft der Gymnasien, die Rheinische und die Westfälisch-Lippische Direktorenvereinigung ein Grundsatzpapier zur „Sicherung gymnasialer Bildung“ vor.

Die Verfasser werden die schulpolitischen Vorstellungen der Parteien vor und nach der Landtagswahl an den vorgelegten Erfordernissen und Maßstäben messen.

1.
Das Gymnasium ist eine soziale Leistungsschule, offen für alle Schichten der Gesellschaft. Es ist eine Schule für viele, doch keine Schule für alle.

Die Aufnahme von Schülerinnen und Schülern an einem Gymnasium setzt aussagekräftige Grundschulgutachten voraus. Die Leistungsfähigkeit ist für die Übergangsentscheidung maßgeblich.

2.
Der entscheidende Maßstab für gymnasiale Bildung ist die Qualität.

Das Gymnasium als älteste europäische Schulform versteht sich als Schule der wissenschaftlichen Grundbildung. Zu den gymnasialen Bildungszielen zählen vertiefte Allgemeinbildung, umfassende Persönlichkeitsentwicklung und der Erwerb allgemeiner Studierfähigkeit durch wissenschaftspropädeutisches Arbeiten. Es geht also um Methodenbewusstsein, Reflexionsvermögen, Erkenntniskritik und Fähigkeit zu problemorientiertem und interdisziplinärem Denken sowie um soziales, politisch verantwortliches Verhalten.

 3.
Gymnasiale Bildung soll junge Menschen in die Lage versetzen, eigene Antworten auf die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zu finden.

Das Gymnasium stellt besondere Anforderungen an das reflektierende und abstrakte Denken. Dies setzt bei den Schülerinnen und Schülern u.a. intellektuelle Neugier sowie besondere Lern- und Anstrengungsbereitschaft voraus.

4.
Gymnasialer Unterricht ist gekennzeichnet durch die Auswahl seiner Themen und die Tiefe seines fachlichen Anspruchs.

Die Fachlichkeit setzt ein hinreichendes Angebot von hochwertigen Fort- und Weiterbildungen voraus, die schulform- und fachbezogen sein müssen.

Die aktuelle Akzentuierung auf umfängliche schulentwicklungsbezogene und unterrichtsübergreifende Fortbildungen unterläuft die Erfordernisse für einen wissenschaftsbezogenen Unterricht an Gymnasien.

5.
Das Gymnasium benötigt Rahmenbedingungen, so dass pädagogisch alle Formen der Begabtenförderung, der Hochbegabtenförderung sowie der Unterstützungsleistungen für Schülerinnen und Schüler mit vorübergehenden Leistungsproblemen realisiert werden können.

6.
Die Idee der zieldifferenten Förderung trifft im System der Schulform Gymnasium angesichts des besonderen Bildungsauftrages sowie der Struktur des Bildungsganges in ganz

besonderer Weise auf Schwierigkeiten und Grenzen. An Gymnasien kann Inklusion für alle Kinder durchgeführt werden, die im zielgleichen gymnasialen Bildungsgang richtig aufgehoben sind.

Gymnasien dürfen nicht gezwungen werden, zieldifferente Inklusion anzubieten.

7.
Das Gymnasium ermöglicht Integration durch die Förderung des individuellen Leistungswillens und Könnens.
Die gesellschaftliche Funktion des Gymnasiums besteht somit darin, Kinder aus allen gesellschaftlichen Gruppen, ungeachtet ihrer Herkunft und ihrer individuellen Prägungen zu fördern. Kindern mit Migrationshintergrund bietet das Gymnasium auf diese Weise exzellente Bildungs- und Aufstiegschancen.

8.
Die Herausforderungen des Gymnasiums erfordern eine qualifizierte schulformbezogene Lehrerausbildung, die den Schwerpunkt auf Fachlichkeit setzt. Fachwissenschaftliche Kompetenz ist konstitutiv für die ‘Leidenschaft‘ der pädagogischen Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer an Gymnasien. Keineswegs dürfen bildungswissenschaftliche Anteile zu Lasten der Fachwissenschaft und Fachdidaktik ausgeweitet werden.

Abgelehnt wird auch eine einseitige Fokussierung auf bestimmte didaktisch-methodische Lehr- und Lernformen. Diese bedeutet einen unzulässigen Eingriff in die pädagogische Freiheit der Lehrerinnen und Lehrer. Jede Verengung didaktisch-methodischer Vielfalt ist unvereinbar mit dem Anspruch wissenschaftspropädeutischen Gymnasialunterrichts.

9.
Als Teil der umfassenden Entwicklung von Persönlichkeit und allgemeiner Studierfähigkeit zielt Bildung im Rahmen der Digitalisierung am Gymnasium darauf ab, vertieft zu reflektieren und zu verstehen, wie Vernetzung und Digitalisierung unsere Welt und die Menschen verändern, und geht damit über eine reine „Bedienkompetenz“ hinaus.

Schülerinnen und Schüler am Gymnasium werden zu einem souveränen Umgang mit digitalen Medien umfassend befähigt.

Ein modernes Gymnasium benötigt eine hochwertige technische Ausstattung für alle Fächer und eine funktionstüchtige Infrastruktur, um aktuelle Lehr- und Lernformen im Schulalltag umsetzen zu können.

Düsseldorf, den 20. März 2017

gez.
Landeselternschaft der Gymnasien in NRW e. V.     Vorsitzender: Ulrich Czygan
Philologen-Verband Nordrhein-Westfalen                  Vorsitzender: Peter Silbernagel
Rheinische Direktorenvereinigung                               Vorsitzende: Ingrid Habrich
Westfälisch-Lippische Direktorenvereinigung           Vorsitzender: Rüdiger Käuser

Für Rückfragen stehen Ihnen Peter Silbernagel (01 71 / 4 68 61 69) und die Landeselternschaft der Gymnasien (02 11 / 1 71 18 83) zur Verfügung.