Leitgedanken zu Arbeitsbedingungen an Gesamt- und Sekundarschulen

Die Zahl der Gesamtschulen und Sekundarschulen in NRW ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Gesamtschule ist somit die nachgefragteste Schulform nach dem Gymnasium. Vielerorts ist die Nachfrage höher als die Aufnahmekapazität einer Schule.

Die Motive für die Entscheidung, ein Kind an einer Gesamt- oder Sekundarschule anzumelden, sind sicherlich darin begründet, dass diese Schulformen Schulen des längeren gemeinsamen Lernens sind, die Kinder und Jugendliche aller Leistungsniveaus beschulen und Laufbahnentscheidungen, unabhängig von den Grundschulempfehlungen, möglichst lange offenhalten. Aufgrund ihres besonderen pädagogischen Konzeptes sind Gesamtschulen nahezu immer gebundene Ganztagsschulen mit verlässlicher Nachmittagsbetreuung. Alle Abschlüsse der Sekundarstufe I können dort erworben werden.

Die starke Zunahme der Schülerzahlen ist auch das Ergebnis der engagierten Arbeit aller Lehrkräfte, aller Sozialpädagogen und Schulsozialarbeiter in unseren Schulformen.

 

Pädagogische und organisatorische Herausforderungen

Heterogenität als Merkmal der Schulen des längeren gemeinsamen Lernens

Die Gesamt- und Sekundarschulen sind konfrontiert mit einer äußerst heterogenen Schülerschaft. Kinder mit ungünstigen Ausgangsbedingungen, Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf, ein hoher Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund und Kinder mit Fluchthintergrund, alle mit dem Recht auf individuelle Förderung, stellen die Lehrkräfte vor sehr große pädagogische und organisatorische Herausforderungen.

Wie an allen Schulen müssen darüber hinaus Defizite kompensiert werden, die mit den sich verändernden Gesellschafts- und Familienstrukturen einhergehen und solche, die der zunehmende Medienkonsum der Jugendlichen mit sich bringt.

Bildungsziele

Das Erreichen einer fundierten Ausbildungs- oder Studierfähigkeit ist ein Kernanliegen des Philologen-Verbandes NW.

Daneben zielt unser pädagogisches Handeln darauf, Menschen in der Entwicklung zu mündigen, selbstständigen, demokratisch denkenden und handelnden Erwachsenen zu unterstützen.

Die qualifizierte Vorbereitung auf den bestmöglichen Schulabschluss wird erschwert, wenn individuelle Lern- und Fördermaßnahmen zur Behebung erkannter Lern- und Leistungsdefizite nicht zum gewünschten Erfolg führen. Als problematisch ist dabei zu erachten, dass Schülerinnen und Schüler auch ohne hinreichende Voraussetzungen bis Klasse 9 in die nächste Jahrgangsstufe versetzt werden, wodurch sich massive Lern- und Leistungsdefizite bei einigen manifestieren können.

Es ist selbstverständlich, dass die für alle verbindlichen Leistungsstandards für den zu erwerbenden Schulabschluss von allen am Bildungsprozess Beteiligten eingefordert werden.
Die Leistungsbewertung hat ausschließlich durch die Lehrkraft im Rahmen ihrer pädagogischen Freiheit auf der Grundlage der Standards zu erfolgen. Nur so ist sichergestellt, dass Schülerinnen und Schüler einen erfolgreichen Abschluss erreichen. So wird z.B. verhindert, dass Schülerinnen und Schüler zwar formal eine Qualifikation für die Oberstufe erhalten, in der sie aber scheitern und wertvolle Jahre verschenken.

Alle zu erreichenden Schulabschlüsse müssen eine adäquate Wertschätzung erhalten.

Arbeitsbelastung

Zunehmende Präsenzzeiten, das vermehrte Pendeln zwischen Dependancen, eine höhere Konferenzdichte, das Arbeiten an Konzepten und Lehrplänen, die steigende Dokumentationspflicht, der erhöhte Fortbildungsbedarf, die Organisation zentraler Prüfungen, die Korrekturbelastung, ein immer größer werdender Beratungs- und Gesprächsbedarf und schließlich die didaktisch-methodische Vorbereitung des binnendifferenzierenden Unterrichts, vor allem in Klassen mit Inklusions- und Integrationskindern, erhöhen die Arbeitsbelastung auf ein hohes Maß.

Unter der unzureichenden sachlichen und personellen Ausstattung leiden die Qualität von Unterricht und die Gesundheit aller Lehrkräfte. Dabei ist die Zahl der Pflichtstunden gleichgeblieben, die Entlastungsstunden wurden jedoch reduziert.

Diese pädagogischen und organisatorischen Mammutaufgaben führen dazu, dass diese nachgefragten Schulformen vermehrt Schwierigkeiten haben, ausreichend qualifizierte Lehrkräfte zu gewinnen.

Personalentwicklung und Stellenbesetzung

Ausgeschriebene Stellen, vor allem im Bereich der Sekundarstufe I, können immer häufiger nicht mit Lehrkräften des entsprechenden Lehramtes besetzt werden. Die Schulen sehen sich daher gezwungen, Seiteneinsteiger/innen einzustellen, die die OBAS oder die pädagogische Einführung absolvieren müssen. Dafür zahlen unsere Kollegien einen hohen Preis, da die Ausbildungslast überwiegend von ihnen getragen werden muss. Die Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger sind sich oftmals der mannigfaltigen Herausforderungen, die besonders in den ersten Jahren auf sie zukommen, nicht bewusst und über die Maßen belastet.

Befristet Beschäftigte ohne fundierte pädagogische Kenntnisse übernehmen zunehmend Vertretungsaufgaben für Langzeiterkrankte und für Lehrkräfte in Elternzeit, so dass der hohe Anspruch an die Fachlichkeit oftmals verloren geht.

Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter müssen die Ausbildung von bestqualifizierten Fachkräften erfahren. Defizite sind jedoch vorhersehbar, wenn zahlreiche Stellen für Fachleiterinnen und Fachleiter der Sekundarstufe I bei vergleichsweise geringer Bezahlung unbesetzt bleiben.

Nicht alle Lehrkräfte mit der Qualifikation Gy/Ge erhalten an Gesamtschulen und Sekundarschulen die ihrer Ausbildung entsprechende Besoldung. Dies liegt auch an der zu geringen Anzahl an Sekundarstufe II-Stellen an Gesamtschulen. Hier muss es Nachbesserungen bzw. Anpassungen an den Bedarf geben.

Zunehmende Gewalt gegen Lehrkräfte

Das pädagogische Personal ist zunehmend verbalen Entgleisungen/Drohungen und bisweilen auch tätlichen Angriffen seitens der Schülerinnen und Schüler oder sogar der Eltern ausgesetzt. Die Instrumentarien der Ahndung über pädagogische Maßnahmen, die den Schulen für diese Fälle an die Hand gegeben werden sind unzureichend.

Dem anspruchsvollen Erziehungs- und Bildungsauftrag kann unter diesen Umständen nicht mehr ausreichend Rechnung getragen werden. Die Fürsorgepflicht gegenüber Lehrkräften und weiterem pädagogischen Personal bleibt zu oft unberücksichtigt.

Wir fordern:

  • für eine zeitliche und personelle Entlastung der Lehrkräfte durch Absenkung der Pflichtstunden und Erhöhung der Anrechnungsstunden zu sorgen.
  • zusätzliche Stellen für Sozialpädagogen und Multiprofessionelle Teams den Schulen mit besonders schwierigen Ausgangsbedingungen flächendeckend zuzuteilen.
  • die Quote an Stellen für Bewerber des zweiten Einstiegslehramtes weiter zu erhöhen.
  • die Schulen mit ausreichendem Personal für schulische Inklusion auszustatten, damit die Inklusionsformel (25-3-1,5) umgesetzt werden kann.
  • eine nachhaltige Unterstützung der Lehrkräfte bei psychischer und physischer Gewalt im Rahmen der Fürsorgepflicht sowohl des Dienstherrn als auch der Schulleitung.