In das Herz Spaniens

Bericht der Studienreise 2008

Kastilien war das Ziel der diesjährigen Studienreise unserer Pensionäre, das Zentrum der Iberischen Halbinsel.

Wegen der großen Nachfrage musste auch diese Reise wiederholt werden. Die erste Gruppe war vom 5. bis 15. Mai unterwegs, die zweite vom 22. Mai bis zum 1. Juni. Die Abflugzeiten ab Düsseldorf um die Mittagszeit waren günstig, so dass wir noch am Nachmittag eine erste ‘Erkundungsfahrt’ durch Madrid machen konnten.

Von Karl-Heinz Schepke

Auf eine Besonderheit der spanischen Hauptstadt wird man schon auf der Fahrt vom Flughafen Barajas in die Innenstadt gestoßen: Am Rande des Flughafens liegt eine riesige Baustelle mit vielen Kränen; nicht weit davon stehen vier über 200 Meter hohe Wolkenkratzer, die höchsten Spaniens auf engem Raum, und wenige Kilometer weiter liegt auf der linken Seite der Prachtstraße Castellana der Palast einer ganz wichtigen spanischen Einrichtung: das Éstadio Santiago Bernabéu, das Stadion von Real Madrid. Des ‘Rätsels’ Lösung: Auf der Baustelle am Flughafen entsteht das neue Trainingsgelände des Clubs, der seine alte Trainingsstätte an Investoren verkauft hat, die dort die Hochhaustürme errichtet haben. Ein Fußballclub hat die Silhouette einer Stadt maßgeblich verändert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die ausführliche Stadtbesichtigung war voller Überraschungen: Die Stadt ist grün; zahlreiche Parks beruhigen die Hauptstadthektik; die Stadt ist ‘pieksauber’; es sind allerdings auch Hunderte von ‘limpiadores’ unterwegs; und das haben wir als Fußgänger zu schätzen gelernt, der Verkehr auf den Straßen ist äußerst diszipliniert. Ampeln und Zebrastreifen werden streng respektiert, ein Verhalten, das nicht jeder von zu Hause kennt.

Nach einer orientierenden Stadtrundfahrt erarbeiteten wir uns die Stadt im Wesentlichen zu Fuß. Die bekannte arkadengesäumte Plaza Mayor aus dem 16. Jahrhundert ist heute autofrei und mit ihren vielen Cafés Treffpunkt von Einheimischen und Touristen.

Zu den wichtigen Sehenswürdigkeiten zählen der Palacio Real und die riesige Kathedrale. Unvermeidlich sind die Plaza de España mit dem Cervantes-Denkmal und den Bronzestatuen von Don Quijote und Sancho Pansa und die weltberühmte ‘Stierkampfkathedrale’ Las Ventas.

Die Höhepunkte Madrids sind aber die Museen. Der Prado enthält eine der besten und größten Kunstsammlungen der Welt und ist im Wortsinne jedenfalls im Rahmen eines solchen Reiseberichts unbeschreiblich. Man steht nahezu sprachlos vor den Werken von Velasquez oder Murillo und vor der einzigartigen Sonderschau mit den Werken Goyas. Das gilt auch für das Centro de Arte Reina Sofia mit Picassos Jahrhundertwerk Guernica.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine geglückte Planung sorgte dafür, dass wir in Madrid reichlich Freizeit hatten. So konnte jeder eigene Schwerpunkte setzen, und die innerstädtischen Verkehrsmöglichkeiten sind dafür nahezu ideal. Und hier mag noch einmal Real Madrid als Anschauungsbeispiel dienen: das Stadion Bernabéu hat 106.000 Plätze, liegt mitten in der Stadt und hat so gut wie keine Parkplätze. Die U-Bahn und Busse bewältigen den Verkehr problemlos!

Philipp II. ließ in 1000 Metern Höhe mit El Escorial einen Klosterpalast errichten, der seinem Riesenimperium entsprechen sollte: einen strengen Renaissancebau aus eisgrauem Granit mit gigantischen Dimensionen. Heute ist der Escorial Museum, Schule und auch noch Kloster, und man umgibt sich mit der Geschichte des ehemaligen Weltreiches, wenn man in die Gruft ‘Panteon de Reyes’ hinabsteigt, wo alle Könige seit Karl V. in Marmorsarkophagen ruhen und auch ein Platz für Juan Carlos I. reserviert ist.

Das Tal der Gefallenen (Valle de los Caidos) ganz in der Nähe ist kalte Gigantomanie. »Macht strebt nach Stein«, sagte unsere Stadtführerin. Franco ließ hier in zwanzig Jahren einen fast 300 Meter langen Tunnel in den Granit treiben, ihn zur Basilika ausbauen und darüber ein 150 Meter hohes Kreuz aus Granit und Beton errichten, das größte Kreuz der Welt. Nur hat das heutige Spanien sich weitgehend von diesem ‘Prachtbau’ distanziert, und für die Beseitigung der großen Feuchtigkeitsprobleme will niemand Geld aufbringen. Zapatero schon gar nicht.

Es ist für die Jahreszeit ungewöhnlich, aber wir waren zur Freude vieler Spanier keineswegs ohne Regen. Die erste Gruppe erlebte das über tausend Meter hoch gelegene

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Segovia mit seinem prachtvoll erhaltenen Aquädukt im Nieselregen, und die zweite Gruppe wurde trocken Zeuge einer besonders spanischen Tradition: eine Prozession zur Erstkommunion in der Kathedrale unter Begleitung einer bewaffneten Ehrenkompanie der spanischen Armee in Paradeuniform.

Alcázar ist die nationale Wallfahrtsstätte. Hier wurde Isabella von Kastilien gekrönt und der Ehevertrag zwischen den katholischen Königen aufgesetzt.

Weitere Höhepunkte unserer Reise waren Toledo und Ávila, wo wir jeweils drei Nächte in den Paradores wohnten.

Für Jahrhunderte war Toledo Residenz und ‘Stadt der Kulturen’, in der Christen, Juden und Muslime friedlich zusammenlebten, bis die kastilischen Könige Toledo zurückeroberten und für Andersgläubige keinen Platz ließen. Baudenkmäler der Juden und der Muslime sind erhalten geblieben, aber »Juden gibt es hier nicht mehr«, wie die Führerin im Jüdischen Museum sagte. Und an der Kirche San Juan de los Reyes hängen heute noch die eisernen Fesselketten von Christen, die nach dem Fall von Granada hierher gebracht worden sind.

Die ‘Schale’ Ávilas, der zweieinhalb Kilometer lange, geschlossene Mauerring ist besonders eindrucksvoll. Das wichtigste Fotomotiv der Stadt ist durchschnittlich zwölf Meter hoch, drei Meter dick und mit 88 Wehrtürmen verstärkt. Diese Stadtmauer ist Hauptwerk der spanischen Festungsbaukunst des 12. Jahrhunderts. Ávila ist aber auch bedeutsam durch die heilige Theresia von Ávila, der größten Reformerin in der katholischen Kirche und Zeitgenossin Martin Luthers.

Salamanca errang Weltruf mit der Gründung seiner Universität im Jahre 1218. Diese älteste Universität des Landes hat ihre Weltgeltung verloren, aber noch heute lernen viele ausländische Studenten hier das beste ‘Castellano’. Es sind noch Hörsäle mit Holzbänken aus dem 16. Jahrhundert erhalten, und in der alten Aula finden noch heute Versammlungen statt.

Das am weitesten verbreitete Bild der Stadt ist das der Plaza Mayor, die zu den schönsten Barockplätzen Spaniens zählt. Ihr Zauber erschließt sich dem Besucher besonders an Sommerabenden, wenn die Cafés voll sind und zahllose Kinder auf dem Platz spielen. Uns musste an einem feuchten Vormittag die Phantasie weiterhelfen.

Was ist Kastilien ohne die weite und einsame Landschaft von La Mancha, und was ist La Mancha ohne Don Quijote? Die Brise war steif auf den Erhebungen von Campo de Criptana in tausend Metern Höhe, und wir merkten sofort, weshalb die Windmühlen hier stehen. Und am Horizont sahen wir auf einer anderen Hügelkette ganz deutlich die ‘Riesen’, gegen die der Held von La Mancha vergeblich gekämpft hatte.

Bei uns weitgehend unbekannt ist das Städtchen Almagro, einst mit Universität und Hauptsitz des spanischen Calatrava-Ordens, des bedeutendsten und reichsten spanischen Ritterordens. Noch heute sind die Fassaden vieler Adelshäuser erhalten, berühmt geworden aber ist der ‘Corral de Comedias’ an der Plaza Mayor, ein unter Denkmalschutz stehender, an ein Shakespeare-Theater erinnernder Komödienhof mit holzverzierten Galerien aus dem 16. Jahrhundert, in dem noch heute gespielt wird.

Letzter Höhepunkt unserer Reise war Aranjuez, in der trockenen Meseta eine Oase am Tajo, fünfzig Kilometer südlich von Madrid. Schon Philipp II. ließ hier eine Sommerresidenz bauen und bewässerte Felder anlegen, aber erst im 18. Jahrhundert wurde Aranjuez mit seinem Schloss und den üppigen Park- und Gartenanlagen zur Modellstadt des aufgeklärten Absolutismus.

Unsere Fahrt endete, wo sie begann, in Madrid. Eine Reise durch Kastilien ist auch eine Reise durch mehr als tausend Jahre Geschichte der Iberischen Halbinsel.

Artikel aus Bildung aktuell 5/2008 (12-14) als PDF-Datei