Armes reiches Portugal

Bericht zur Studienreise 2013

 

In den Zeitungen, im Radio und im Fernsehen werden wir ständig über die Notlagen und Schwierigkeiten der südeuropäischen Länder informiert. Viel ist von Griechenland und Spanien die Rede, und (fast) immer ist auch Portugal dabei. Es geht um Verschuldung und Arbeitslosigkeit, um Steuererhöhungen und Kürzungen bei den Einkommen. Langsam, aber sicher verfestigt sich so bei den Konsumenten solcher Nachrichten der Eindruck, Südeuropa sei ein einziges Notstandsgebiet.

 

Die Pensionäre des Philologen-Verbandes Nordrhein-Westfalen wollten auf ihrer diesjährigen Studienreise vor allem den vielfältigen Reichtum des Landes kennenlernen. Die Basis dafür haben wir vor allem in Zeugnissen aus der kolonialen Geschichte des Landes gefunden. Aber auch in der jüngeren Vergangenheit lassen sich Beispiele finden, die auf eine vielversprechende Zukunft Portugals hindeuten.

 

Der Logik einer alten portugiesischen ‘Weisheit’ folgend, haben wir unsere Reise gegliedert.

 

In Porto wird gearbeitet

 

Industrie und Handel haben die Stadt über Jahrhunderte geprägt. Nachempfinden konnten wir das in dem Palácio da Bolsa, einem prächtigen Granitpalast, den sich die reichen Handelsherren bauen ließen, und in den vielen Portweinkellereien in Gaia am anderen Ufer des Duoro. Dort wurden wir über die Geschichte und Herstellungsweise des Portweins informiert, natürlich nicht ohne eine Probe genossen zu haben.

 

Das enge Duorotal wird von hohen Brücken überspannt, von denen eine von Gustave Eiffel in einer dem Eiffelturm ähnlichen Eisenkonstruktion erbaut wurde. In der malerischen, engen Altstadt stützen sich die Häuser gegenseitig, um nicht einzufallen. Einengende Bauvorschriften und fehlendes Geld behindern eine Modernisierung.

 

Sieben Stunden auf einem Ausflugsschiff douroaufwärts zu fahren, bei gutem Wetter und mit ausgezeichnetem Service, sind die reine Erholung. Am Unterlauf stehen schmucke Ferienhäuser an den steilen Hängen, weiter oben, nahe Regua, beherrschen die Weinberge das Tal. Wir sind im ältesten, gesetzlich geschützten Weinbaugebiet der Welt. Und die Weine sind schmackhaft, bekömmlich und preiswert.

 

In Braga wird gebetet

 

Braga ist das religiöse Zentrum des Landes und der Sitz des Erzbischofs. Die prächtige Kathedrale aus dem elften Jahrhundert und weitere etwa dreißig Kirchen unterstreichen die Bedeutung des Katholizismus in Portugal. Kirchen und Klöster – in den vergangenen Jahrhunderten oft mit dem Gold aus Brasilien oder dem Geld aus dem Gewürzhandel mit Indien bezahlt – gehören zur kulturellen Identität des Landes. Der Besucher tut gut daran, dies in seine Überlegungen einzubeziehen.

 

Am Rande der Stadt steht die sehenswerte Wallfahrtskirche Bom Jesus do Monte mit einem Kreuzweg über fünfhundert Stufen. Die traditionelle Nähe zur Kirche haben wir in unserem Quartier in diesem Raum erlebt: Das Zisterzienserkloster Santa Maria do Bouro aus dem zwölften Jahrhundert wurde von einem der bedeutendsten Architekten Portugals (Edouardo Souto Moura) restauriert und als Pousada zu einem modernen und preisgekrönten Hotel umgebaut.

 

Andere bedeutende Kirchen und Klöster haben wir in Tomar, Alcobaca, Batalha und Sintra gesehen. In ihren Ausmaßen und in ihrer Ausstattung entsprechen sie dem ‚Weltreich Portugal’, weniger dem EU-Mitglied.

 

In Combra wird studiert

 

Jeder fünfte Einwohner ist Student. Bei festlichen Anlässen tragen fast alle die lange schwarze Tracht mit den farbigen Zierbändern der einzelnen Fakultäten. Der Semesterabschluss ist so eine Gelegenheit, bei der für den großen Umzug der Studenten fast die gesamte Innenstadt abgesperrt wird. Wir haben den kilometerlangen ‚Karnevalszug’ in Porto gesehen; in Coimbra war er schon vorbei.

 

Die Alte Universität steht am höchsten Punkt der Oberstadt an der Stelle des früheren Königspalastes. Die prunkvoll ausgestattete Alte Bibliothek, eine der prächtigsten weltweit, besitzt 300.000 Bücher, die heute nur noch mit Sondergenehmigung benutzt werden können.

 

Eine Besonderheit: Die Bibliothek hält Fledermäuse als ‚Haustiere’ gegen Insekten, die die Bücher schädigen könnten.

 

In Lissabon wird gelebt

 

Und das wussten schon die Römer, die Westgoten und die Mauren. Später haben die portugiesischen Könige und Kaufleute das Leben hier genossen, im Zweiten Weltkrieg haben die aus ihren Ländern vertrieben Könige Europas das Leben in ‘einer der schönsten Hauptstädte’ im neutralen Portugal zu schätzen gewusst. Auch heute genießen die Gattinnen angolanischer Potentaten, die Frauen brasilianischer Manager und eine zunehmende Zahl von Russen die Einkaufsmeile in der Baixa, während ukrainische Taxifahrer, rumänische Straßenmusiker und viele äußerst professionell arbeitende Taschendiebe – die auch in unserer Gruppe erfolgreich aktiv waren – hier ihrem Gewerbe nachgehen.

 

Lissabon war einst eine der reichsten Städte Europas, und hier ist schon viel Geld ausgegeben worden: Der Gewürzhandel hat die Stadt reich gemacht, und die Könige haben viel in Kloster- und Kirchenbauten investiert und sich damit das Wohlwollen der Kirche gesichert.

 

Ein gutes Beispiel ist das Jerónimoskloster am Westrand der Stadt; einst Symbol für Portugals Macht und Reichtum zur Zeit der kolonialen Eroberungen, heute Weltkulturerbe und Touristenmagnet. Hier soll Vasco da Gama 1497 die letzten Nächte vor seiner Abreise nach Indien betend verbracht haben, und hier wurde 2007 der ‘Vertrag von Lissabon’ unterzeichnet. Erinnerungen an die ruhmreiche Vergangenheit wecken auch das Denkmal der Entdeckungen in der Nähe mit Heinrich dem Seefahrer an der Spitze und der Torre de Belém, der im 16. Jh. zum Schutz des Hafens erbaut wurde und heute Weltkulturerbe ist.

 

Aber auch aus jüngerer Zeit hat die Stadt Attraktionen zu bieten: der Elevador do Carmo ist ein mitten in der Altstadt freistehender, 45 Meter hoher Aufzug, der die Unterstadt mit der Oberstadt verbindet. Er dient nicht nur als Verkehrsmittel, sondern auch als Aussichtsplattform. Einen traumhaften Blick über die Stadt mit dem Tejo und den beiden imposanten Brücken, die drei bzw. siebzehn Kilometer lang sind, genießt der Besucher von alten Festung Castelo de Sao Jorge aus.

 

Eine besondere Leistung ist der Stadt mit der Expo ´98 gelungen: Ein verrottender Ölhafen wurde zunächst Ausstellungsgelände mit einem Riesenaquarium für mehr als 15.000 Fische, Vögel und Säugetiere. Und heute steht dort einer der modernsten Teile der Stadt mit Wohnungen für 25.000 Menschen und dem von Santiago Calatrava gebauten neuen Hauptbahnhof Gare do Oriente.

 

Es sind aber auch Zeichen der ökonomischen Krise zu sehen: In der Rua Augusta und in der Rua Aurea im Zentrum der Baixa stehen viele Läden leer und auch etliche Banken haben ihre Innenstadtfilialen aufgegeben.

 

Andere Zeichen deuten in eine hoffnungsvollere Zukunft: Portugal hat ein exzellentes Autobahnnetz, die Straßen sind ebenfalls von guter Qualität und auch der Bestand an Fahrzeugen wirkt jung und modern. Die Wohnbebauung lässt kaum zu wünschen übrig, wenn man von den engen und von Mietpreisbindungen eingeschnürten Altstadtteilen absieht.

Nach Überwindung der aktuellen Krise kann das Land auf eine blühende Zukunft hoffen.